Im Garten der Villa Pazi – Peter Paul Althaus Walter Gödden:
Im Garten der Villa Pazi – Peter Paul Althaus
Villa dei Pazzi heißt wörtlich: Narrenvilla. Nomen est omen. Peter Paul
Althaus (oder freundschaftlich „PPA“) nannte einen seiner
Gedichtbände „Wir sanften Irren“. Das Gästebuch der Villa Pazi ist
eine wahre Fundgrube, geschmückt mit Aquarellen, Zeichnungen,
Gedichten. Theodor Däubler war hier, Friedrich Sieburg, der
bedeutende Buchillustrator Melchior Lechter. Außerdem bot das Haus
vielen Dichtern Zuflucht, die vom Naziregime verfolgt wurden.
Die alte Seniora, Baronessa Barbara von Münchhausen, blickt
erstaunt. Wie man nur auf den Gedanken verfallen könne, von so
weit her zu kommen, um ihre Villa zu besuchen. Ja, sicherlich, Peter
Paul Althaus sei hiergewesen, ein paar Mal sogar, vor und auch nach
dem Krieg. Und sie habe ihn auch oft in München getroffen, wo er
seinerzeit alles in Bewegung gesetzt habe, um bei ihrer Heirat die
Philharmonie aufspielen zu lassen... Ein ganz verrückter Kerl sei
dieser PPA gewesen, über den sich wohl stundenlang Episoden
erzählen ließen. Doch leider nicht heute, sie sei auf dem Sprung, nach
Deutschland abzureisen und müsse sich eilen, ein andermal vielleicht.
Ja, so ist das mit den älteren Herrschaften im Jet-Set-Zeitalter.
Die Villa ist ein Schmuckstück, ein Juwel. Sie liegt oberhalb von
Florenz und ist nicht leicht zu erreichen. Der Fahrt mit dem Auto ist
beim Florentiner Verkehrschaos und Einbahnstraßengewirr ein
beschwerlicher Fußmarsch (35 Grad im Schatten!) vorzuziehen, der
durch enge, baufällige Gassen führt. Oben angekommen, entschädigt
die Aussicht für alles. Dem Betrachter liegt Florenz buchstäblich zu
Füßen. Man weiß nun, warum Peter Paul Althaus diesen Ort immer
wieder aufgesucht hat, warum er gerade diese Villa so schätzte, die
ohne jeden Glanz auskommt, dafür aber alle anderen Vorzüge
aufweist. Und besonders ihren Garten so liebte, der, obwohl klein,
einen parkähnlichen Charakter besitzt. Die schmalen Kieswege sind
von Lorbeerhecken gesäumt und wie zu einem Irrgarten arrangiert.
Versteckt finden sich Steinbüsten, und wer genauer nachforscht,
entdeckt auch ein bekränztes, fast ganz zugewuchertes Dichterhaupt.
Nichts ist aufdringlich an dieser Ordnung, die sich zwanglos und
einfach präsentiert. Von einem kleinen Gewächshaus, der Limonaia,
aus führen Stufen zu einer Dachterrasse, die den Blick in das Tal
zwischen Florenz und Fiesole, dem reichen Vorort der Stadt, freigibt.
Vom Monte Ceceri soll einst ein gewisser Zoroastro unter
Zuhilfenahme der Erfindungen des Leonardo da Vinci Flugversuche
unternommen haben – erfolglos, er musste seinen Wagemut mit
dem Leben bezahlen.
Seit den zwanziger Jahren hat sich hier wenig verändert. Damals kam
Althaus erstmals an diesen Ort, um in Florenz eine Art
Hauslehrerstelle anzutreten, die ihm sein Freund, der Dichter Karl
Wolfskehl, vermittelt hatte. Anschließend machte er sich zu einer
größeren Reise auf, die ihn nach Sizilien und ins Tirol führte, bevor er
nach England übersetzte und in London und Cambridge Station
machte. Die Erlebnisse seiner „Italienischen Reise“ hielt Althaus in
zahlreichen Reisegedichten fest, die zu einem Großteil noch
unveröffentlicht sind. Einige Texte flossen in den PPA-
Erinnerungsband „Was weißt, oh Onkel Theo, Du...“ (Eingel. und hg.
von J.A. Kissenkoetter. Emsdetten 1968) ein.
Das Buch war ein Abschiedsgeschenk an den 1892 in Münster
geborenen Dichter, dessen literarische Karriere für viele
Überraschungen und Umwege gut war. 1918 hatte Althaus, gerade
aus dem Ersten Weltkrieg zurückgekehrt, in seiner Heimatstadt
Münster einen literarischen Freundeskreis und einen Verlag, „Der
weiße Rabe“, gegründet, der zwei eigene Zeitschriften
herausgab, „Das Reagenzglas“ und „Send. Eine Monatsschrift für die
spanischen Dörfer“. 1922 „konvertierte“ Althaus, wurde Schwabinger,
schlug sich als freier Journalist und Schriftsteller durch („Wir lebten
vom Malen, vom Bildhauern, vom Musizieren und vom Dichten. Davon
zu leben ist eine Kunst. Und schon deswegen durften wir uns Künstler
nennen“). Sein nimmermüdes Treiben ließ ihn in mehrfacher Hinsicht
zu einer Schwabinger Legende werden: als Rundfunkmann der ersten
Stunde, der mit Witz, Klamauk, aber auch Hintersinn seine Hörer in
freier Improvisation verzauberte; als Kabarettgründer und Kabarettist,
der die Sternstunden der Brettl-Bewegung nach 1945 in München
wieder aufleben ließ; als Original, Bohemien und „Inkarnation“ (so
Münchens damaliger Oberbürgermeister Hans-Jochen Vogel) der
Schwabing-Szene, die er wie kaum ein anderer verkörperte. Mit vielen
Literaturgrößen war er befreundet, u.a. mit Erich Mühsam und Joachim
Ringelnatz, oder doch zumindest bekannt (Rainer Maria Rilke, Stefan
George).
Althaus' literarisches Nachleben gründet sich auf sechs
Gedichtsammlungen, die heute zu literarischen und bibliophilen
Kostbarkeiten geworden sind. Gemeint sind die Bändchen „In der
Traumstadt“ (1951), „Dr. Enzian“ (1952), „Flower Tales – Laßt Blumen
sprechen“ (1953), „Wir sanften Irren“ (1956), „Seelenwandertouren“
(1961) und „PPA läßt nochmals grüßen“ (1966). Diese Bändchen
sichern Althaus einen literarischen Rang, der in vielem dem eines
Erich Kästner vergleichbar ist.
Seit 1958 lebte PPA, gesundheitlich geschwächt, in seiner Wohnung in
der Schwabinger Trautenwolffstraße, die er bis zu seinem Tod 1965
kaum noch verließ. Auf sein literarisches Konto gehen, einschließlich
der Übersetzungen und Herausgaben, insgesamt etwa dreißig Bücher.
Althaus hat immer wieder Reisen unternommen, um seinen geistigen
Horizont zu erweitern. Längere und kürzere Aufenthalte führten ihn
wiederholt nach Mallorca, wo er zum Beispiel 1928 gemeinsam mit
einem Zoologen und einem Biologen „Studien über das Alarmsystem
der einheimischen Ameisen“ betrieb (vgl. sein
Gedicht „Forschungsreisen in die Binsen“). Sein Paß weist insgesamt
23 längere Aufenthalte in England auf, wo er auch als
Gastschauspieler und Regisseur arbeitete.
Dem Garten der Villa Pazi hat der Lebenskünstler PPA ein eigenes
Gedicht gewidmet – ein zauberhaftes, halbbiografisches Dokument,
das hilft, das Andenken an den Autor um eine Facette zu bereichern.
Mit seiner metaphysischen Färbung weist der Text auf Althaus'
Gedichtsammlung „Das vierte Reich“ (1928) hin. Die Pointe des
letzten Verses lässt bereits an eines seiner „Traumstadt“-Gedichte
(„Geht ein Engel durch die Traumstadt“) denken.
Vom Garten der Villa dei Pazzi aus / Zwischen Firenze und Fiesole
Glaubt mir, es gibt im Tale von Fiesole geheimnisvolle Nächte
in denen die Olivenbäume singen können.
Zu deren Singen tanzen zwischen Wein und Korn dort ungebannte
Mächte,
die sich als Opfer für sich selbst auf einem alten Steinaltar
verbrennen.
Und wenn Ihr, überwach dem vollen Mond anheimgegeben,
dem Singen nachgeht, das wie Blut in Euren Lenden
lebendig ist, so seid Ihr plötzlich mit im Reihen und im Weben
der ungebannten Geistermächte und Ihr müßt Euch mitverschwenden.
Gedanken werden unstillbare Leidenschaft in diesen Nächten
und Eure Herzen schellen wie zersprungnes Glas im Widerklang vom
Weltenraum
und jede Pinie wird ein riesengroßer Lebensbaum
und Gott erwacht aus seinem stillen Sternentraum
und gleitet nieder in die Florentiner Stadt auf einem Wolkensaum
und hilft den Huren ihre loderroten Haare flechten.
Folgende Files sind der Publikation angefügt:
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